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14.01.2016 | Jiří Hönes

Wikipedia wird 15

Heute vor 15 Jahren ging die englischsprachige Wikipedia online, die deutschsprachige Variante ließ nur etwa zwei Monate auf sich warten. Mittlerweile ist die Online-Enzyklopädie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken, es gibt sie in 291 Sprachausgaben, die es zusammen auf über 37 Millionen Artikel bringen. Bei den am häufigsten besuchten Websites der Welt steht sie momentan auf Platz sieben. In relativ kurzer Zeit hat sie die traditionsreichen Lexika wie die Encyclopædia Britannica oder die Brockhaus Enzyklopädie verdrängt, welche mittlerweile beide nicht mehr in Buchform erscheinen.

 

Dabei wurden die Macher seinerzeit selbst vom Erfolg des Konzepts überrascht, das auf freiwillige Mitarbeit, das Prinzip der Mehrautorenschaft und freie Lizenzen setzt. Jimmy Wales und Larry Sanger, so erzählt es die Wikipedia heute selbst, verfolgten im Jahr 2000 zunächst das Projekt einer englischsprachigen Internet-Enzyklopädie namens Nupedia, die jedoch redaktionell wie eine klassische Enzyklopädie funktionieren sollte: Die Autorinnen und Autoren mussten sich bewerben und Sanger fungierte als Chefredakteur. Jeder Artikel musste vor der Veröffentlichung ein langwieriges Peer-Review-Verfahren durchlaufen.

Jimmy Wales (2015); Bild: Stemoc, Lizenz: CC BY-SA
Larry Sanger (2005); Bild: Soerfm, Lizenz: CC BY-SA

Bald darauf entdeckten Sanger und Wales das Wiki-System für sich, bei dem die Leserinnen und Leser direkt im Browser die Seiten auch ändern können. Was zunächst als kleines Zusatzfeature zu Nupedia gedacht war, erhielt am 15. Januar 2001 die eigene Adresse www.wikipedia.com. Während es bis Ende 2001 nur ganze zwei Artikel durch das Peer-Review-Prozedere der Nupedia geschafft hatten, begann die Wikipedia wild zu wachsen und schaffte es im gleichen Zeitraum auf etwa 20 000 Artikel in 18 Sprachen.

„Rezept für totales Chaos“

Larry Sanger verließ das Projekt aufgrund von Differenzen Anfang 2002. Eine erste Krise gab es im selben Jahr, als sich zahlreiche Autoren der spanischsprachigen Wikipedia abspalteten und die Enciclopedia Libre gründeten. Sie hatten befürchtet, dass auf der Wikipedia zukünftig Werbung geschaltet werden könnte. Als Reaktion hierauf – und um weitere Abspaltungen zu verhindern – erklärte Jimmy Wales, die Wikipedia werde dauerhaft werbefrei bleiben. Damit einher ging der Wechsel auf die Top-Level-Domain .org, die üblicherweise mit nichtkommerziellen Organisationen assoziiert wird. Bis heute ist die Wikipedia rein spendenfinanziert.

 

„Eigentlich ist es das Rezept für totales Chaos“, schrieb 2006 die ZEIT in einem nach wie vor lesenswerten Artikel über den Aufbau und die Funktionsweise der Online-Enzyklopädie. „Es gibt keine Verpflichtung bei Wikipedia, keine Büros, keine Bezahlung, nur eine stetig anschwellende Zahl anonymer Mitarbeiter.“ Die Autorin fragte: „Kann so ein ernst zu nehmendes Lexikon entstehen?“ Damals war die Wikipedia auf Rang 17 der meistbesuchten Websites der Welt, heute ist sie auf Rang 7. Einer aktuellen Umfrage zufolge nutzen sie etwa vier von fünf Internetnutzerinnen und -nutzern in Deutschland. Von diesen halten wiederum 80 Prozent die Artikel auf der Plattform „größtenteils für verlässlich“. Schon 2005 hat das Magazin Nature in einer Untersuchung Artikel zu 42 Themen in der Wikipedia und der Encyclopædia Britannica  verglichen, wobei die klassische Enzyklopädie nur unwesentlich besser abschnitt. Bei einer ähnlichen Untersuchung aus dem Jahr 2010, die die deutschsprachige Wikipedia mit der Online-Version des Brockhaus verglichen hat, schnitt erstere sogar besser ab.

 

Gemessen an der Zahl der Artikel steht die deutschsprachige Wikipedia an dritter Stelle: Etwa 1,9 Millionen Einträge hat das Lexikon, mehr gibt es nur in englischer Sprache (5 Millionen) und Schwedisch (2 Millionen). Die verhältnismäßig große Zahl der schwedischsprachigen Artikel geht vor allem auf Bots zurück, die automatisiert Einträge erstellen. Weitere neun Sprachen bringen es auf über eine Million Artikel: Französisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Wáray-Wáray, Vietnamesisch und Cebuano. Unter den 101 Wikipedias mit über 25 000 Artikeln finden sich bereits Sprachen wie Westfriesisch, Tschuwaschisch oder Aragonesisch, das – laut Wikipedia – gerade einmal über 12 000 aktive Sprecher verfügt.

 

Mittlerweile haben auch zahlreiche deutsche Dialekte eigene Wikipedia-Portale, so etwa Bairisch (Boarisch), Kölsch (Ripoarisch) oder Rheinfränkisch (Pälzisch), die alemannischen Dialekte Elsässisch, Schweizerdeutsch, (Süd-)Badisch und Schwäbisch haben ein gemeinsames Portal. Interessante Infos über die verschiedenen Sprachen gibt es auf einer eigenen Artikelseite namens Wikipedia: Sprachen.

Zahlreiche Nebenprojekte

Im Lauf der Zeit entstanden zahlreiche Nebenprojekte, die zwar in der öffentlichen Wahrnehmung etwas im Schatten der Enzyklopädie stehen, für sich gesehen jedoch oft ebenfalls respektable Größen sind. Am bekanntesten ist wohl die Mediensammlung Wikimedia Commons, die auch sämtliche auf der Wikipedia eingestellten Bilder hostet. Zudem gibt es unter anderem das Wörterbuch Wiktionary, die Quellensammlung Wikisource, den Reiseführer Wikivoyage und die Fakten-Datenbank Wikidata.

 

Letztere befindet sich noch im Aufbau und wird mittlerweile dafür verantwortlich gemacht, dass seit einiger Zeit die Nutzerzahlen zurückgehen. In dem Projekt werden nackte Fakten gespeichert, Daten wie die Höhe des Eiffelturms oder Geburts- und Sterbedaten von Personen. Mittlerweile greift Google ebenfalls auf diese Daten zurück. Fragt man Google nach der Höhe des Eiffelturms, so bekommt man die Antwort mittlerweile direkt auf der Ergebnisseite, ohne dass man die Wikipedia selbst aufrufen muss. So erklärt es jedenfalls ein jüngst erschienener Beitrag in der c’t.

Ist mit Wikidata eine hauseigene Konkurrenz entstanden?

Bild: Wikimedia Commons, Lizenz: public domain

Bei der Zahl der Autorinnen und Autoren ist in den vergangenen Jahren ebenfalls ein Rückgang zu verzeichnen. Zudem ist der Frauenanteil unter denjendigen, die Artikel beisteuern, trotz verschiedener Bemühungen nicht signifikant gestiegen. Die ZEIT  schrieb vor wenigen Tagen bereits unter der Überschrift „Happy birthday, Sorgenkind“, die Wikipedia habe ihre besten Jahre hinter sich. Sie habe zwar „innerhalb von nur 15 Jahren Kulturgeschichte geschrieben“ und sei „der ultimative Beweis für Schwarmintelligenz, für das partizipative Potenzial des Internets, für grenzüberschreitenden Idealismus und den Siegeszug der Creative-Commons-Lizenzen“, doch wird auch hier auf die Gefahr hingewiesen, die von Wikidata für das Hauptprojekt ausgeht: „Durch Wikidata könnten daher auf der einen Seite die Attraktivität und Sichtbarkeit der alten Wikipedia weiter nachlassen. Das wird es nicht einfacher machen, Autoren zu halten oder neue zu motivieren. Auf der anderen Seite, sagen viele in der Szene, hat das Projekt das Zeug dazu, das nächste große Ding der Wikipedia-Bewegung zu werden.“

 

Dessen ungeachtet ist die Bedeutung des Online-Lexikons nach wie vor enorm, auch für die Arbeit in der Schule. Wie man sinnvoll mit der Wikipedia arbeitet, haben wir in einem eigenen Beitrag dargestellt. Zudem gibt es von Klicksafe eine Broschüre mit Unterrichtsmaterial zur Wikipedia.

 

Schon etwas älter, aber deshalb nicht weniger interessant, ist unser Interview mit Wikipedia-Autor Harald Krichel, der Einblicke in die Welt der Wikipedia-Szene gab.

 

So gratulieren auch wir der Wikipedia herzlich zum Teenager-Alter und hoffen, dass wir uns nicht allzu viele Sorgen um das Geburtstagskind machen müssen.

Internet / Web 2.0, Open Content, Schreiben / Recherchieren, Wikis

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