MediaCulture-Online Blog

11.03.2015 | Anja Lochner

Ohrenspitzertag 2015: Vom Klang schmutziger Straßen

Kreative Hörerziehung

Ralph Gaukel spielt Hang.

Mit den weichen, sanften Klängen der Kalimba Sansula, einem „Daumenklavier“, und des Hang, einem Halbkugelensemble aus Stahlblech, sowie dem Obertongesang des Musikers Ralph Gaukel werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf das diesjährige Ohrenspitzer-Jahrestreffen eingestimmt. Dieses fand am 27. Februar 2015 am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) statt. Das Projekt Ohrenspitzer betreibt seit zehn Jahren kreativ und spielerisch Zuhörförderung in Kindergärten und Schulen und wurde gleich zu Beginn des Jahres vom Bundesverband für Bildung, Wissen und Forschung (BBWF e.V.) als „hervorragendes und empfehlenswertes Konzept“ im Bereich Bildung ausgezeichnet.

Thomas Rathgeb (LFK) unterstützt Hörerziehung.

Welche Bedeutung der Zuhörförderung und damit der sogenannten auditorischen Wahrnehmung zukommt, sieht man auch an deren verstärkter Verankerung in den neuen Bildungsplänen, die im Schuljahr 2016/17 an den Start gehen, wie Wolfgang Kraft, Direktor des LMZ, betonte. Thomas Rathgeb von der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) hob die Hörerziehung zudem als Teil der Medienkompetenz hervor. Damit diese noch besser gelingen kann, stellt die LFK ab sofort drei Pilotschulen in Baden-Württemberg insgesamt vier Tablets für die mobile Audioarbeit im Unterricht zur Verfügung. Die Testschulen sind die Astrid-Lindgren-Grundschule in Ulm (Schule für Sprachbehinderte), die Fleinsbachrealschule in Filderstadt-Bernhausen sowie die Grund- und Realschule am Römerkastell in Böbingen.

Bildergalerie

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Die Übergabe der Tablets

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Ralph Gaukel spielt Hang.

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: LMZ-Direktor Wolfgang Kraft war per Video zugeschaltet.

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Thomas Rathgeb von der LFK

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Plausch in der Pause

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Geräusche(nach)macher Joo Fürst

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Mit diesem „Gerümpel“ kann man einen Film vertonen.

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Dejan Simonovic erzeugt Hufgetrappel mit Kokosnüssen.

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Kurt Krammer vom LMZ sorgte für das leibliche Wohl.

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Dominik Knebel stellt sein Anybook Case vor.

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Referentinnen

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Balanceübungen schulen die Körperwahrnehmung.

Ohrenspitzertag 2015 Gallery: Das Ohrenspitzer-Zelt

Kokosnüsse sind die besseren Pferde

Joo Fürst erklärt, wie aus einem Koffer eine Kutsche wird.

In seinem Workshop zeigte der Foley-Artist Joo Fürst, der sich selbst als Geräusche(nach)macher bezeichnet, wie das Vertonen von Filmen und Hörspielen funktioniert. Ein alter Turnschuh, eine leere Chipstüte, ein Boxhandschuh, Kokosnusshälften, ein rostiges Scharnier, eine Gartenschlauchdüse, ein Tacker und ein alter Sicherheitsgurt: Was anmutet wie ein Haufen Gerümpel, ist die Arbeitsausrüstung des 54-Jährigen. Fürst ist einer von etwa 20 Geräuschemachern in Deutschland, die Filme mit Klängen wie Schritten, Lagerfeuer oder Kutschengeklapper unterlegen und ihnen damit erst eine authentische Atmosphäre verleihen. Fürst studierte ursprünglich Musik am College of Music, lernte von Hans Walter Kramski (1929 – 2007) das Handwerk des Nachvertonens und hat mittlerweile für namhafte Filme wie Stalingrad, Das Geisterhaus, Der Baader Meinhof Komplex, Fräulein Smillas Gespür für Schnee, aber auch Kinderproduktionen wie Hanni und Nanni, Lippels Traum oder Pinocchio die Sounds inszeniert. Außerdem führt er an Kindergärten und Schulen immer wieder Hörspielprojekte durch. Eine feste Ausbildung gibt es in dieser Zunft nicht, das Wissen wird vom Mentor zum Schüler weitergegeben.

Eine Teilnehmerin unterlegt einen Film mit Sound.

Damit die Referentinnen und Referenten ihr nächstes Audioprojekt noch lebendiger gestalten können, gibt Fürst ihnen daher einige Tipps aus seiner Praxis. So muss man beispielsweise hören, wo und wann man sich befindet, da Raum und Zeit jeweils über eine bestimmte Atmosphäre oder „Klangheimat“ verfügen: Eine Straße klingt „schmutzig“, ein Badezimmer „sauber“. Beim Hörspiel ist das umso wichtiger, da im Gegensatz zum Film das Bild fehlt. Musik wiederum, die sehr mit Sprache verbunden ist und Emotionen transportieren soll, wird am besten eher reduziert eingesetzt: „Die beste Filmmusik ist die, die nicht auffällt.“ Eine Lehrerin spricht das Problem an, dass die Aufnahmen in Klassenzimmern oft hohl klingen. Fürst rät, mit einem sogenannten Expander aufzunehmen, mit dem man sozusagen den Raum ausschalten könne. Außerdem solle man Mikrofone nicht allzu sehr aufdrehen, es reiche, wenn man die Kinder gut über die Kopfhörer verstehe. Gegen die zahlreichen lästigen Nebengeräusche in der Schule schlägt er dagegen vor, die Frequenzen von 300 bis 400 Hertz gleich abzuschneiden, also einen „Hochpass“ ab ca. 300 Hz einzusetzen, der die höheren Frequenzen wie z.B. Kinderstimmen „passieren“ kann.

Großartig sind vor allem die ganz konkreten Tricks, mit denen sich Alltagsgeräusche täuschend echt reproduzieren lassen. Beim Synchronisieren von Filmschnipseln können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer üben, wie zum Beispiel ein Lagerfeuer funktioniert: Man schlägt sich auf die Hände, wedelt mit einem Lappen und knistert mit einem Babyspielzeug mit Zellophanfüllung. Das Ganze muss ein bisschen variieren, damit es lebendig klingt. Möchte man dagegen den Klang von knirschenden Schritten im Schnee oder einer Lederjacke oder auch das Knarren von Parkett, bastelt man sich einen Beutel mit Speisestärke, den man knetet oder betritt. Ohne Werbung machen zu wollen, weist Fürst darauf hin, dass allerdings „nur Mondamin gut klingt“. Das Rascheln von Tonbändern in einem Leinenbeutel erzeugt die Illusion von Regenwald, alte Kartoffel- oder Zwiebelsäcke klingen, als liefe man über weiches Gras. Wringt man wiederum schlicht ein nasses Ledertuch aus, watet man durch Schlamm und Matsch, was sich noch mit einem Kiessäckchen verstärken lässt. Das Geräusch einer fahrenden Kutsche erzeugt man, indem man einen alten scheppernden Lederkoffer schüttelt und mit einem Schlüsselbund als Zaumzeug klingelt, Gummisohlen auf Split simulieren die Räder und Kokosnüsse das Hufgetrappel. „Kokosnüsse sind ohnehin die besseren Pferde“, meint Fürst. Damit das Ganze glaubhaft klingt, müssen vor allem die Rhythmen stimmen. Abschließend bringt der Foley Artist noch ein Haus zum Einstürzen, indem er eine leere Chipstüte mit Schwung direkt ums Mikrofon herum zusammenknüllt: „Noch ein bisschen Hall drauf, und der Einsturz ist perfekt.“ Das Allerwichtigste aber ist: Man spielt, und es soll Spaß machen!

 

Backstage: Foley Artist Joo Fürst - Geräusche für Hollywood

Regio TV Schwaben berichtet über den Geräusche(nach)macher Joo Fürst.

Mit dem Mikro auf Du und Du

Balanceübungen schulen die Körperwahrnehmung.

Der zweite Workshop drehte sich um die Arbeit mit und vor dem Mikrofon. Im Fokus standen dabei der Umgang mit Mikrofontechnik sowie die Förderung der Sprach- und Sprechkompetenz. Sich ein Hörspiel auszudenken, ist eine Sache, dieses vor dem Mikrofon einzusprechen, eine andere. Denn sobald man anfängt zu sprechen, zeigt man sich den anderen. Diese Bühnensituation hemme Kinder wie auch Erwachsene, so Thomas Herbst, Referatsleiter Beratung und Fortbildung am LMZ. Gemeinsam mit Ohrenspitzer-Koordinator Steffen Eifert führte er daher zahlreiche Aufwärm- und Sprechübungen durch, die das Zwerchfell und die Mimik lockern sowie die Körperbalance und den sprachlichen Ausdruck schulen. Dementsprechend durften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich mit Holzklötzchen zwischen den Zähnen unterhalten oder auch lautmalerisch einen Flughafen, Bauernhof, Zahnarzt oder Zwergenstreit darstellen. Die Übungen führen zu einer bewussteren Körperwahrnehmung und es werden Energien mobilisiert, die die Gruppendynamik positiv beeinflussen, so Herbst. Für Erzählerpassagen solle man Kinder ermutigen, nah ans Mikrofon zu gehen und dafür etwa 20 bis 25 Zentimeter davor eine Markierung auf den Fußboden machen. Am Ende, meinte Herbst, sei neben dem Ergebnis aber auch dessen Entstehung bedeutsam: „Die pädagogische Qualität steckt auch im Prozess.“

Impressionen vom Ohrenspitzer-Jahrestreffen

Das Projekt Ohrenspitzer

Das Projekt Ohrenspitzer ist mittlerweile in 35 Landkreisen Baden-Württembergs vertreten und bietet ca. über 70 Veranstaltungen pro Jahr. LMZ-Direktor Wolfgang Kraft dankte im Rahmen des Jahrestages den Kreismedienzentren, an denen die Fortbildungen stattfinden, und betonte in diesem Zusammenhang besonders die gute Zusammenarbeit zwischen KMZ und LMZ. Ohrenspitzer wird gefördert von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK), der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) und des Südwestrundfunks (SWR).

 

Die Idee des Projekts zeigt Ihnen dieser nette kleine Film über Ohrenspitzer.

Links

Ohrenspitzer Baden-Württemberg

Materialien, Praxisbeispiele, Ohrenspitzerkoffer, Termine, Standorte u.v.m.

 

Pilotphase gestartet: Tablets für mobile Audioarbeit an Projektschulen

Für die Dauer einer ersten Pilotphase erhielten Projektschulen Tablets für die aktive Audioarbeit im Unterricht.

 

Schülerradio für Baden-Württemberg

Das Stadtmedienzentrum Stuttgart (SMZ) am LMZ BW berät und hilft ganz konkret bei der professionellen Umsetzung von Radioprojekten.

 

MediaCulture-Online: Audio

Radio, Podcast, Musikproduktionen: Nützliche Tipps zur digitalen Audiotechnik und Ideen für die pädagogische Praxis

 

Stiftung Zuhören

Projekte, Fortbildungen, Termine u.a. zum Thema Zuhören

 

GanzOhrSein

Ein modulares Handlungsmodell zu Hörenfördern und Hörenmachen mit Bausteinen zur Zuhörförderung

 

Auditorix

Hörspielwerkstatt der Landeszentrale für Medien (LfM) und Schule des Hörens für Kinder, Pädagoginnen und Pädagogen

 

Materialien zum Thema Hören

Materialbestellung bei der Landeszentrale für Medien (LfM), z.B. „Auditorix“, Broschüre „Der Sinn des Hörens“

 

Die Welt des Hörens

Website der Initiative Hören - Offensive für das Ohr

 

Schule des Hörens

Seite zur Förderung des Bewusstseins der Sinneskompetenz Hören

 

Hörspielbox

Alles rund um Sounds im Netz: Geräusche und Klänge online

 

Soundbearbeitung mit Audacity

Informationen und Anleitung für die Audio-Editing-Freeware Audacity mit Link zur Internetseite von Audacity (zum Download)

 

Gutes Hinsehen und Zuhören – Ratgeber für Eltern

Materialien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zum Thema Lärm und Gesundheit

Bilder: Thomas Herbst, Anja Lochner / LMZ

Audio, Außerschulische Pädagogik, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte, Radio / Podcast, Tagungsdokumentation

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